von Michael Link
Sieben Jahre ist es her, das Singen fiel uns damals schwer, aber davon war in unserem Konzert zum Jubiläum nichts zu merken. Okay, auch diesmal hatten wir für Kenner das eine oder andere kleine Easter Egg im Gesang versteckt, aber das blieb den meisten im Publikum unter Schichten von mitreißender Freude folgenlos,
Wir hatten einen tollen Konzert-Ort, nämlich die Stiftskirche des Stephansstiftes im Osten von Hannover. Da war es hübsch warm, was wir bislang bei unseren Auftritten eher nicht angetroffen haben. Bislang hatten wir diese eher in der kühlen Vorweihnachtszeit und da ist es nun mal auch kühl in den Kirchen, außer für die Besucher, die Heizkissen nutzen konnten.
Diesmal hatten wir unmittelbar vor dem Konzerttag am 1. Juli noch ordentlich am Programm poliert und ein sehr schweißtreibendes Chorwochenende (siehe Bericht von Christina) erlebt. Schon vorher hatten wir das Gefühl, dass wir ganz gut im Saft standen, womit nicht nur der Schweiß gemeint ist, sondern auch der Stand der Proben.

Was für ein Unterschied! Wackelten wir vor Konzerten sonst immer ein wenig, weil hier und da noch Unsicherheiten durch spontane kreative Einfälle zugetönt werden mussten – oder durch den tonlosen Gesang sich öffnender Fischlippen – so konnten wir diesmal viel mehr Ausdruck in die höchst unterschiedlichen Stücke hineinsingen.
Das fing schon beim Lied über den Zahnarzt an, den der liebe Herr Beethoven sich in „Signor Abbate“ herbeiwünschte: Zuerst leidend, fast bettelnd und dann fluchend, für den Fall, dass der nicht endlich mal langsam antrabt. Es folgte das zart-melancholische, erst zum Schluss ein wenig aufdrehende Stück „The Rose“: Liebe trifft Menschen unerwartet und man muss nicht denken, dass sie niemals mehr kommt, so heißt es darin.
Nachdem Chorleiter Michael unser teilweise sicherlich ganz neues Publikum – die Kirche war sehr gut gefüllt – begrüßt hatte und ihm die Eigenarten des Chors und seiner Geschichte erzählt hatte, folgte ein selbst getextetes Jubiläumslied von Urmel, das er mit seiner E-Gitarre begleitete. Schon da war es mit der Absprache vorbei, dass der Chor – da Teil der Aufführung – nicht zu den Soli applaudieren soll. Im Folgenden hatten wir das Gefühl, dass der Topf immer mehr zum Sieden kam – so was hatten wir noch nicht erlebt!
Weiter gings, rauf und runter die Molltonleiter. Rauf ging es mit einem Lied, das Chor-Motto sein könnte: „Hoch“ von Tim Bendzko. Ganz egal wie, wir wollen immer weiter hoch hinaus, und wenn uns die Luft ausgeht, schauen wir nicht nach unten. Direkt im Anschluss setzte sich der Chor und Janne trat vor. Sie sandte mit ihrer wunderbar starken Musicalstimme ihr Statement in die Welt: „Ich gehör nur mir!“ aus „Elisabeth“ – unsere treuen Fans erinnern sich daran, dass wir neulich noch „Milch“ aus diesem tollen Bühnenstück gesungen haben.

Wie sehr man seinen Lebensweg in der Hand hat, kam dann im Chorstück „Vois sur ton chemin“ (etwa: Achte auf deinen Weg) zum Ausdruck. Es stammt aus dem französisch-schweizerischen Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Der Plot beginnt so einfach wie anrührend: Heimkinder, denen man übel mitspielte, gewinnen durch einen arbeitslosen Musiker, der Aufseher der Kinder wird, nach und nach einen neuen Sinn im Leben. Und die Handlungen Einzelner verändern die Schicksale aller.
Dass alles, was da draußen passiert, einem auch mal egal sein sollte, hatte Stefanie als nächste Solosängerin auf dem Zettel. „Liegen ist Frieden“ ist das Symbol für einen perfekten, wohldosierten Egoismus, den man dann und wann braucht, auch wenn einen das Leben mit seinen „hyperwichtigen“ Anforderungen ständig zu Hyperaktivität zwingen will. Christina verkörperte dazu absolut perfekt die antreibende Teufelin, die Stefanie ständig piesackt, man müsse jetzt dies tun, aufstehen, rausgehen und überhaupt. Doch: Liegen ist Frieden – lasst mich doch einfach in Ruhe.
Unter viel zu viel Ruhe leiden die übermäßig bezahnten Protagonisten aus dem Musical „Tanz der Vampire“. Sie wollen endlich raus, Party machen! Also, was Vampire so unter Party verstehen. Das Chorstück „Ewigkeit“ ließ und lässt uns alle wünschen, dass man den Deckel auf ihren Gräbern möglichst wirksam verschließt, denn sonst geht es den Lebenden an den Kragen. Apropos Tanz der Vampire. Tanzen war auch das Sujet des Duetts von Christina und Svenja: „Dance with Somebody“ von Whitney Houston, eine treibende Dancepop-Nummer. Beide Stimmen ergänzten einander ganz hervorragend und leider mussten wir sitzen bleiben, weil wir ja später auch noch gefragt waren.
Doch zuvor trat erst mal Regina auf: „Nur ein Wort“ von „Wir sind Helden“ war rhythmisch höchst anspruchsvoll. Schnell sprang im Publikum der Funke über, viele kannten den Text.
Den Funken konnten wir auch mit einem ordentlichen Parkplatzregen nicht löschen. Das Chorstück von Oliver Gies gehört mittlerweile zu denen, die wir immer wieder gern auspacken – zumal wir es nach einer – äh – Ewigkeit endlich fast im Schlaf können.

Im Anschluss gab es wieder Platz für ein Solo, das Robert uns schenkte, unser einziger Bass. Wie Konzertbesucher wissen: Bass, Tenor und Bariton, ewig suchen wir sie schon. Robert intonierte mit geschlossenen Augen und wunderbar gefühlvoll „Let it be“ von einer, Anfang der Sechziger noch unbekannten, englischen Band, deren Name mir gerade nicht einfällt.
Nach diesem Solo bogen wir auf die Zielgerade ein und es gab kein Halten mehr: Wir sangen vom „Rhythm of life“ und überraschten ob des flink artikulierenden Soprans bestimmt so manchen im Saal. Und vorher klang es schon mal an: „Rhythm of life“ war echt sehr schwierig! Wir haben alles in allem zweieinhalb Jahre gebraucht, um das Stück ganz in den Griff zu bekommen: Mehrere Tonartwechsel, diverse genau zu timende Einsätze, das Wiedereinsetzen in der genau passenden Tonlage, tja – eine Tonspezialität!
Demgegenüber mag „Go down, Moses“ sicherlich als Gassenhauer gelten. Doch auch daran haben wir noch mal gefeilt: Mehr Dynamik, mehr Ausdruck, bitte! Und auch der Schluss kam für manche sicher ein wenig unerwartet plötzlich. Womit nicht der Chor gemeint ist, denn der stoppte punktgenau.
Sommerlich entspannt ließen wir es mit „California dreamin‘“ von „The Mamas & The Papas“ ausklingen, wobei Svenja und Michael die Gitarren zupften und wir kostümtechnisch die Flower-Power-Zeit aufleben ließen.

Michael sprach noch ein paar Abschiedsworte und wir konnten uns über einen tollen und lauten Schluss-Applaus freuen, dem noch eine kleine Aufforderung zum Mitsingen des Abschlusskanons „Sweet Dreams“ folgte. Die im Publikum herumlaufenden Sängerinnen und Sänger verliehen ihr noch etwas animierenden Nachdruck. Und ist das letzte Lied zu Ende, fallen Steine, und zwar Dutz ende, von unsren Herzen – ganz bestimmt! – denn dem Lampenfieber man nie entrinnt.
